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Wetter · 7 min

Warum es in Winterberg dreimal so viel regnet wie in Köln

1.300 Millimeter Jahresniederschlag an der Astenstation, 750 in Köln-Bonn — das Hochsauerland produziert sein eigenes Wetter, weil hier das erste echte Mittelgebirge steht. Ein klimatologischer Blick auf das Sauerland-Microklima.

Warum es in Winterberg dreimal so viel regnet wie in Köln
Wetter 23.05.2026

An der Astenstation in Winterberg, 839 Meter über dem Meeresspiegel und keine 200 Meter vom höchsten Punkt Westfalens entfernt, hat der Deutsche Wetterdienst eine seiner ältesten kontinuierlichen Messreihen. Die Jahresniederschlagssumme im Mittel der Periode 1991 bis 2020 liegt dort bei 1.298 Millimetern — gerundet die 1.300, mit denen die Region in jeder Klimatabelle auftaucht. Am Flughafen Köln-Bonn, 70 Kilometer westlich und 92 Meter über dem Meeresspiegel, lag das Mittel im selben Zeitraum bei 751 Millimetern. Die Differenz von 547 Millimetern — also fast genau das Doppelte — entsteht nicht durch Zufallswetter, sondern hat eine atmosphärisch-orographische Ursache, die sich aus dem Lehrbuch erklären lässt und die wir hier in Stichworten durchgehen.

Wie ein Mittelgebirge Wetter produziert

Die vorherrschenden Windrichtungen über Nordrhein-Westfalen liegen ganzjährig auf Süd-West bis Nord-West, mit einem Schwerpunkt auf 270 Grad. Die Luftmassen, die diese Winde tragen, sind in der Mehrzahl maritime Polar- oder maritime Subtropikluft — also Luft, die ihren Ursprung über dem Nordatlantik hat und auf dem Weg nach Mitteleuropa viel Wasser aufgenommen hat. Diese Luft erreicht die norddeutsche Tiefebene und die Niederrheinische Bucht ohne nennenswerte topographische Hindernisse. Erst östlich von Köln, ab dem Bergischen Land und vor allem ab dem Sauerland, trifft sie auf eine echte Geländekante.

Das Rothaargebirge ist das erste Mittelgebirge auf dem Weg dieser Luftmassen, das eine zusammenhängende Kammlinie über 700 Meter hält. Vom Kahlen Asten (841 m ü. NN) über die Hunau (818 m), das Langenberg-Massiv (843 m, höchster Punkt Nordrhein-Westfalens) bis zum Ettelsberg (837 m) zieht sich eine Barriere, die in West-Ost-Richtung rund 60 Kilometer lang ist. Die Luft muss aufsteigen, um darüber hinwegzukommen. Beim Aufsteigen kühlt sie sich ab — trockenadiabatisch um 1,0 Grad Celsius pro 100 Höhenmeter, feuchtadiabatisch (nach Erreichen des Kondensationsniveaus) um etwa 0,6 Grad pro 100 Meter. Der Anstieg von 100 Meter (Niederrheinische Bucht) auf 800 Meter (Astenkamm) bewirkt eine Abkühlung von mindestens 4,2 bis 7,0 Grad Celsius. In dieser abgekühlten Luft sinkt die maximale Wasserdampfkapazität, die überschüssige Feuchtigkeit kondensiert zu Wolken und fällt als Steigungsregen aus.

Der Effekt wirkt fast täglich. Eine durchschnittliche Westwetterlage produziert über dem Rheinland eine vollständige Wolkenauflösung am Nachmittag, über dem Sauerland dagegen Dauerregen oder Nieselregen, der oft erst östlich des Kammes — im Lee bei Brilon und Marsberg — wieder abreißt. Die DWD-Wetterstatistik zeigt das in den Tagen-mit-Niederschlag: 192 Tage pro Jahr in Winterberg, 127 Tage in Köln. An der Astenstation regnet es also an jedem zweiten Tag, in Köln nur jeden dritten.

Datenreihe und Folgen

Die Astenstation misst seit 1888 — eine der längsten meteorologischen Reihen Deutschlands. Die jährlichen Schwankungen sind erheblich: das niederschlagsärmste Jahr der Reihe war 1959 mit 873 mm, das niederschlagsreichste 1981 mit 1.847 mm. Die Periode 1991 bis 2020 weist gegenüber der Vorperiode 1961 bis 1990 keine signifikante Veränderung in der Jahresniederschlagssumme aus; die Mittel beider Perioden liegen innerhalb von 35 Millimetern. Was sich verändert hat, ist die Verteilung: mehr Niederschlag im Winter, weniger im Sommer, mehr Tage mit Starkregen über 25 mm/24h (im Schnitt 9,8 Tage 1991–2020 gegenüber 7,1 Tagen 1961–1990 — DWD-Reihe Winterberg).

Die Schneehöhen sind die zweite Variable, die sich verändert hat, hier deutlicher als der Gesamtniederschlag. Die Astenstation zählt die Tage mit einer Schneedecke von mindestens 1 cm und veröffentlicht die Reihe seit 1951. 1991 wurden 96 Schneetage gezählt, im Jahr 2024 waren es 58. Der gleitende Zehnjahres-Mittelwert ist seit 2010 um etwa 22 Tage gefallen. Bei den geschlossenen Schneedecken über 30 cm — das ist die für den Wintersport relevante Schwelle — ist die Reihe noch deutlicher: im Mittel 1961–1990 lag die Astenstation in 47 Tagen pro Jahr über dieser Marke, im Mittel 2011–2020 nur noch in 22 Tagen. Die Skigebiete in Winterberg, Willingen und Schmallenberg haben darauf seit etwa 2008 mit massivem Ausbau der Beschneiungsanlagen reagiert — heute sind in den Skigebieten Winterberg-Bobhang und Willingen-Ettelsberg über 90 Prozent der Pistenfläche maschinell beschneibar. Der Wasserbedarf der Beschneiung liegt bei rund 0,4 m³ pro Quadratmeter Piste und Saison — was bedeutet, dass die Skigebiete eine zusätzliche Spitzenlast auf die regionale Wasserwirtschaft legen, die in den Trinkwasserstatistiken seit 2015 messbar ist.

Die Vegetation des Hochsauerlandes ist von den Niederschlagsmengen direkt geprägt. Die hochmontane Fichte (Picea abies) hatte hier bis etwa 2017 ihren idealen Standort: viel Niederschlag, kühle Sommer, hohe Luftfeuchte. Die Trockensommer 2018, 2019, 2020 und 2022 — drei davon mit deutlich unterdurchschnittlichen Sommerniederschlägen — haben die Fichtenbestände dann so geschwächt, dass der Borkenkäferbefall in der Region zu einem Verlust von rund 60.000 Hektar Fichtenwald führte. Die heutige Aufforstungsplanung des Landesbetriebs Wald und Holz NRW geht für die Lage Hochsauerland von einer Mischwald-Strategie mit deutlich höheren Anteilen an Buche, Eiche, Douglasie und Roteiche aus, weil die reine Fichte für die erwartbare Klimaentwicklung als zu risikoreich gilt.

Eine letzte Beobachtung: auch die Hochmoore des Sauerlandes — die Hochheide-Niedersfeld, das Neuer Hagen, die Mörmecke-Niederung — existieren nur dank des hohen Niederschlags und der niedrigen Verdunstung. Mit jedem trockenen Sommer verliert das Moor an Wasserstand; eine Wiedervernässung ist seit 2019 in mehreren Bereichen Pilotprojekt der Bezirksregierung Arnsberg. Die Hochmoore sind, neben den Talsperren und den Mischwäldern, der dritte ökologische Speicher, der vom Sauerland-Niederschlag lebt und ihn weitergibt.

Wir verlassen die Astenstation in einem stabilen Regen, der seit zwei Stunden anhält und nach DWD-Prognose noch sechs Stunden bleiben wird. Im Auto bergab, Richtung Brilon, wechselt der Niederschlag bei etwa 580 Meter ü. NN von Regen auf Nieselregen, bei 400 Metern setzt der Regen kurz aus, bei Olsberg ist die Straße trocken. Wir haben in 25 Minuten Fahrt drei verschiedene Wetter durchquert. Das ist nicht atmosphärische Laune — das ist Orographie.


Ressort: Wetter