Briloner Möbelschreinerei — Werkstattbesuch in der vierten Generation
In einer kleinen Schreinerei in der Briloner Kernstadt arbeiten drei Generationen gleichzeitig an einem Eichentisch. Wir notieren, was vom Briloner Möbelbau übrig geblieben ist und warum der Massivholzanteil wieder wächst.
Die Werkstatt liegt in einer Seitenstraße der Briloner Kernstadt — wir nennen weder Familie noch Hausnummer, weil das, was hier geschieht, nicht wegen der Familie interessant ist, sondern wegen der Sache. Vier Generationen sind durch diese Räume gegangen: gegründet in den 1920er Jahren als kleine Möbeltischlerei, ausgebaut in den 1950ern zur Schreinerei mit sechs Gesellen und zwei Lehrlingen, geschrumpft seit Anfang der 1990er auf heute drei Schreiner — Meister Mitte sechzig, Geselle Anfang vierzig, Lehrling im dritten Lehrjahr. Am Vormittag, als wir hereinkommen, hobeln alle drei an Bestandteilen ein und desselben Esstisches: Massiveiche, Maße 2,40 × 1,00 × 0,78 Meter, Auftrag aus Dortmund.
Briloner Möbel sind eine Wirtschaftsgeschichte mit klar markierten Phasen. Wir folgen ihr in zwei Strecken: erst die Stadt, dann die Werkstatt.
Was vom Briloner Möbelbau übrig ist
Die Anfänge gehen in die 1860er Jahre zurück, als der Briloner Stadtwald — heute 7.700 Hektar, zur Zeit der Industrialisierung etwa 6.000 — anfing, mehr Holz zu liefern, als die örtliche Bevölkerung verbrauchen konnte. Eine erste Welle von Tischlereien entstand zwischen 1865 und 1890; um 1900 zählte Brilon 47 Handwerksbetriebe mit Holzverarbeitung. Die echte industrielle Phase begann nach 1948: in den 1950er und 1960er Jahren beschäftigte die Branche in Brilon und den umliegenden Ortschaften Madfeld, Alme, Messinghausen zeitweise über 2.400 Menschen. Möbelhersteller wie Brilon-Möbel, Bessmann, Hoppe (alle drei heute aufgelöst oder fusioniert) produzierten Wohnzimmer- und Schlafzimmer-Programme für den westdeutschen Mittelstand. Der Anteil der Möbelindustrie an der lokalen Beschäftigung lag 1968 bei 28 Prozent.
Die Krise begann in den späten 1980ern und schlug in den 1990ern voll durch. Mehrere Faktoren wirkten zusammen: die Verlagerung der Volumenproduktion nach Osteuropa, der Aufstieg der Möbeldiscounter (IKEA eröffnete 1974 in Köln, 1989 in Dortmund), die Veränderung der Wohnkultur in den 1990ern weg vom geschlossenen Programm hin zu Einzelmöbeln. Bis 2010 war die Beschäftigtenzahl in der Briloner Möbelbranche von einst 2.400 auf rund 380 gefallen. Mehrere Werke standen leer; einige wurden zu Logistikflächen umgenutzt.
Seit etwa 2010 stabilisiert sich die Branche auf niedrigem Niveau. Drei Faktoren tragen das: erstens die Rückkehr zur Maßanfertigung, weil Bauherren ihre Küchen und Einbauschränke wieder vom Schreiner statt aus dem Möbelhaus haben wollen. Zweitens ein wachsender Markt für Massivholz-Möbel im mittleren bis höheren Preissegment — ein 2,40-Meter-Esstisch in Eiche aus heimischem Holz kostet beim Schreiner zwischen 2.800 und 4.200 Euro, beim Möbelfilialisten in Plattenware mit Furnier zwischen 600 und 1.400 Euro; die Differenz wird zunehmend bezahlt. Drittens öffentliche Aufträge — Möbel für Schulen, Verwaltungen, Pfarrhäuser, die nach 25 Jahren Nutzungsdauer ausgeschrieben werden und für die kleine Schreinereien in Bietergemeinschaften antreten.
Die Zahl der reinen Möbelschreinereien in Brilon liegt heute bei zwölf Betrieben mit 38 Beschäftigten plus zehn Lehrlingen, ergänzt durch zwei größere Hersteller mit zusammen rund 250 Mitarbeitern (Stand IHK Arnsberg, Herbst 2025).
Die Werkstatt heute
Zurück in der Seitenstraße. Der Eichentisch entsteht in fünf Arbeitsschritten, jeder bekommt seinen Tag. Tag eins: Auswahl der Bohlen aus dem Trockenlager — die Schreinerei kauft Bohlenware aus dem Briloner Stadtwald, FSC-zertifiziert, lufttrocknet sie zwei Jahre im überdachten Außenlager bei einer Restfeuchte von etwa 18 Prozent, dann nochmal drei bis vier Monate im Innenlager bei 8 bis 10 Prozent. Für den Tisch werden vier Bohlen ausgewählt, deren Maserung in der Aufsicht harmoniert.
Tag zwei: Abrichten und Dickenhobeln. Eine ältere Felder-Maschine aus den 1990ern leistet das; eine neue gibt es nicht, weil die alte funktioniert. Tag drei: Verleimen der Platte. Hier wird der entscheidende Schwund-Vorbereitungsschritt gemacht: weil Eiche im Lauf der nächsten Jahrzehnte je nach Raumklima zwischen 1 und 4 Prozent Querschwindmaß zeigt, werden die Bohlen mit alternierender Jahrring-Lage verleimt, sodass sich Schüsselungen gegenseitig aufheben. Die Verleimung selbst läuft mit einem PVAc-Kaltleim D3-Klasse, abgepresst über sechs Stunden in einer Eichen-Zwingenanordnung, die der Großvater des heutigen Meisters 1957 gebaut hat.
Tag vier: Beine und Zarge. Hier kommt die Spezialität dieser Werkstatt zum Tragen — die Möbel werden mit verdeckten Holzdübeln zusammengesetzt, nicht mit Metallbeschlägen. Die Dübel sind aus Buchenholz, 12 Millimeter Durchmesser, 60 Millimeter Länge, mit der Hand gefertigt aus Stäben, die der Lehrling in der ersten Stunde des Tages drechselt. Eine Tischzarge bekommt sechzehn solcher Dübel; die Verbindung ist nach zehn Jahren genauso fest wie am ersten Tag und lässt sich, wenn nötig, mit Dampf wieder lösen. Metallbeschläge — Tischverbinder aus Stahl — wären schneller, halten aber durch wiederholtes Auf- und Abbauen weniger lange, und sie kratzen sich durch das Holz, wenn der Boden nicht waagrecht ist.
Tag fünf: Oberflächenbehandlung. Die Werkstatt benutzt ein Hartwachsöl auf Leinölbasis, drei Aufträge mit jeweils 24 Stunden Trocknungszeit, dazwischen Zwischenschliff mit Korn 240. Die Platte fühlt sich anschließend an wie Holz, nicht wie Lack — der Unterschied wird mit der Hand sofort spürbar, mit dem Auge erst nach einigen Sekunden. Bei einer Beschädigung kann ein einzelner Bereich nachgeölt werden, ohne dass die Stelle sichtbar bleibt; bei Lack wäre eine Reparatur immer eine Fläche.
Der Lehrling ist 21, hat vorher eine Ausbildung zum Erzieher begonnen und abgebrochen. Er sagt im Vorbeigehen, das Drechseln der Dübel sei das Beste am Morgen, weil man hinterher genau weiß, was man gemacht hat. Der Geselle ist 43, hat in seinem Berufsleben dreimal die Stelle gewechselt und ist seit 2018 hier — er ist der einzige der drei, der einen modernen CNC-Fräsmaschinen-Kurs absolviert hat; die Werkstatt überlegt seit zwei Jahren eine Anschaffung im mittleren fünfstelligen Bereich, hat sich aber bisher nicht entschieden. Der Meister wird in vier Jahren 70; die Frage der Übergabe — an den Gesellen, an einen außenstehenden Käufer, an den Lehrling, wenn der seine Meisterprüfung absolviert hat — ist nicht beantwortet. Sie wird vermutlich erst dann beantwortet werden, wenn sie beantwortet werden muss.
Das Verhältnis zu IKEA und Möbel Boss ist auffällig ruhig. „Das ist ein anderer Markt”, sagt der Meister beim Mittagessen — Brot, westfälischer Schinken, ein Bier — „die machen 80 Prozent von dem, was Menschen brauchen, billiger und schneller als wir. Wir machen die übrigen 20 Prozent so, dass sie 60 Jahre halten.” Der Tisch wird am Freitag abgeholt; der Auftraggeber aus Dortmund hat in der ersten Bestellmail geschrieben, der Tisch solle den Enkeln noch gehören. Der Meister hat geantwortet, dass das ein realistisches Ziel sei, vorausgesetzt, jemand kümmere sich alle zehn Jahre einmal um die Oberfläche.
Wir verlassen die Werkstatt am Nachmittag. Hinter uns: das Hobeln, das Drechseln der nächsten Dübel, das Geräusch der Felder-Maschine. Vor uns: die Briloner Kernstadt im Frühjahr, in der man, wenn man die Augen aufmacht, hier und da ein hölzernes Schaufenster, eine alte Türfüllung, eine sauber gefügte Eckverbindung sieht — Reste der Wirtschaftsgeschichte, in der diese Stadt einmal Möbel gebaut hat und es immer noch tut, nur in anderer Größenordnung.