Die Möhne-Talsperre — Geographie und Geschichte
Ein längerer Spaziergang über die Mauer und durch das Sperrengebiet zeigt drei Geschichten zugleich: eine wilhelminische Ingenieursleistung, eine Sprengung im Mai 1943 und ein Trinkwasser-Reservoir, das bis heute das halbe Ruhrgebiet versorgt.
Wir stehen an der Sperrmauer in Günne, frühe Vormittagsstunde, der Wasserspiegel liegt bei 213,5 m ü. NN — das ist Vollstau, abzulesen am Pegelhäuschen östlich der Hauptmauer. Unter uns: 134,5 Millionen Kubikmeter Wasser, gehalten von einer 650 Meter langen und 40 Meter hohen Bruchsteinmauer aus dem Jahr 1913. Hinter uns: das Einzugsgebiet, 444 Quadratkilometer Mittelgebirge zwischen Brilon, Meschede und Soest, das sich über die Möhne, die Heve und mehrere kleinere Zuläufe in dieses Becken entwässert. Wir nennen sie hier kurz die Möhne, im behördlichen Schriftverkehr heißt sie Möhnetalsperre, in der älteren Literatur auch Möhnesee — wobei der See immer erst nach der Mauer kommt.
Drei Strecken laufen parallel: die hydraulische, die historische, die ökologische. Auf einer Wanderung um den See — 40,5 Kilometer ausgeschilderter Hauptweg, in zwei Etappen gut zu machen — kreuzen sich diese Strecken ständig. Diese Notiz versucht, sie geordnet zu erzählen.
Bau und Funktion
Die Talsperre entstand zwischen 1908 und 1913 unter Leitung des Bauingenieurs Otto Intze und seines Schülers Ernst Link. Auftraggeber war der Ruhrtalsperrenverein, gegründet 1899, um die ständig wachsende Industrie an Ruhr und Emscher mit Brauchwasser zu versorgen. Bis dahin hatte das Ruhrgebiet im Sommer regelmäßig Wassermangel — die Ruhr führte zwischen Juli und September stellenweise nur noch 4 m³/s, während der industrielle Bedarf bei 15 m³/s lag. Die Möhne-Talsperre, gemeinsam mit den Talsperren Sorpe (1935), Henne (1955) und später Bigge (1965) und Verse (1929), löst dieses Problem bis heute.
Die Mauer ist eine Bruchsteinmauer aus Grauwacke und Tonschiefer, geformt nach dem Intze-Prinzip: gekrümmt zur Wasserseite, mit einem dichtenden Kern und einem Erdkeil zur Drucksicherung. 270.000 Kubikmeter Stein wurden vermauert, die Bauzeit betrug fünf Jahre. Bei der Einweihung am 12. Juli 1913 — wenige Wochen nach dem 25-jährigen Regierungsjubiläum Wilhelms II. — war sie das größte Stauwerk Europas.
Heute erfüllt die Talsperre drei Funktionen: Niedrigwasseraufhöhung der Ruhr (sie speist zwischen Juni und Oktober das Ruhrbett auf das industriell benötigte Minimum), Trinkwasserversorgung (das Wasserwerk Möhnebogen entnimmt täglich bis 200.000 m³), und Hochwasserschutz (das obere Drittel des Speichers wird im Winter freigehalten). Die Erholungsfunktion — Segeln, Baden bei Körbecke, der Wanderweg — kam erst nach 1950 als vierte hinzu, und sie steht in der Hackordnung hinter den anderen drei.
Der Wasserstand schwankt im Jahresverlauf um bis zu 8 Meter. Im April, wenn die Schneeschmelze vom Rothaargebirge eingelaufen ist, steht das Wasser oft 30 Zentimeter über der Vollstaumarke und läuft kontrolliert über die Hochwasserentlastung. Im Oktober eines trockenen Jahres — etwa 2018, 2020, 2022 — sind im Bereich Delecke und Wamel die alten Bruchsteinmauern der gefluteten Ortschaften sichtbar, Reste der Dörfer Kettlersteich und Drüggelte, deren Bewohner 1912 umgesiedelt wurden. 720 Menschen verloren damals ihre Höfe; entschädigt wurde nach einer Tabelle, die der Ruhrtalsperrenverein selbst aufgestellt hatte.
Die Forellen-Population des Sees ist eine eigene Geschichte. Seit den 1950er Jahren wurde die Möhne-Talsperre vom Landesfischereiverband Westfalen-Lippe regelmäßig mit Bachforelle (Salmo trutta fario) und Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) besetzt; die natürlich vorkommende Möhne-Forelle aus der ursprünglichen Möhne und ihren Zuläufen war durch den Talsperrenbau in den Hauptzuläufen vollständig isoliert worden. Heute ist die Möhneseebrut zur eigenen Population geworden, die sich an die Stehgewässer-Bedingungen angepasst hat — ein eigenes ökologisches Experiment, das ungeplant 110 Jahre läuft. Die Berufsfischerei am See, betrieben von zwei Familienbetrieben in Körbecke und Delecke, fängt jährlich rund 12 Tonnen Forelle und 4 Tonnen Hecht, Zander und Aal — die Forelle geht meist direkt an die Restaurants am Ufer, der Rest auf den Wochenmarkt in Soest.
Die Sprengung und das Danach
In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943, kurz vor ein Uhr morgens, schlug die Möhne-Mauer auf einer Breite von 77 Metern auseinander. Operation Chastise war angelaufen: 19 modifizierte Lancaster-Bomber der 617 Squadron der Royal Air Force unter Wing Commander Guy Gibson, ausgerüstet mit der von Barnes Wallis entwickelten upkeep-Bombe — einer 4.200 Kilogramm schweren rollbaren Wasserminen-Konstruktion, die in 18 Metern Höhe abgeworfen wurde und über die Wasseroberfläche zur Mauer sprang, dort sank und in 9 Metern Tiefe an der Mauer detonierte. Die fünfte Bombe, abgeworfen von Pilot Officer David Maltby, ließ die Mauer brechen.
Was dann geschah, bestimmt die Erinnerungskultur der Region bis heute. Eine Flutwelle von zunächst 12 Metern Höhe lief talabwärts durch die Möhne, durch Niederense, Neheim und Heve. In Neheim befand sich das Lager Drususbrücke, in dem fast 1.200 ukrainische und sowjetische Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene untergebracht waren — viele davon ertranken in den Baracken, die in der Aue gelegen hatten. Die offizielle Zählung der Opfer steht bei 1.579 Toten, davon 749 Frauen aus dem Lager Drususbrücke, sowie Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer Günne, Niederense und der Hevegegend. Die genaue Zahl ist bis heute strittig; sie ist niedriger als die ursprünglichen britischen Schätzungen (3.000) und höher als die deutsche Wehrmachtszahl (1.292).
Der Wiederaufbau begann unverzüglich. Albert Speers Ministerium für Bewaffnung und Munition organisierte ab dem 18. Mai eine Großbaustelle mit 7.000 Arbeitern — überwiegend Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge unter SS-Bewachung. Die Mauer wurde mit Zementmörtel und neuen Bruchsteinen geschlossen und am 23. September 1943 — vier Monate nach der Sprengung — wieder verfüllt. Die Schnelligkeit war propagandistisch wichtig; strategisch betrachtet kostete der Wiederaufbau Material und Arbeitskraft, die anderswo fehlten. Die industrielle Wirkung der Operation auf das Ruhrgebiet war nach drei Wochen weitgehend kompensiert; die psychologische Wirkung — in beiden Richtungen — hielt länger.
Drei RAF-Crewmen wurden gefangen, vier konnten in den Niederlanden untertauchen, 53 starben. Guy Gibson erhielt das Victoria-Kreuz, die höchste britische Tapferkeitsauszeichnung, und starb 1944 bei einem späteren Einsatz.
Die ökologischen Folgen der Sprengung sind selten erzählt. Der See entleerte sich in den ersten 18 Stunden auf etwa 12 Prozent seines Volumens; der Sedimentaustrag riss die Ufer auf eine Tiefe von durchschnittlich 2,5 Metern auf und schob ein Schlammvolumen ins untere Möhnetal, das die Landwirtschaft dort über Jahre belastete. Die Forellenpopulation war ausgelöscht; die Wiederbesetzung begann erst 1947 und dauerte bis Anfang der 1960er Jahre, bis sich eine stabile Population etabliert hatte. Der Mauerwiederaufbau selbst hinterließ am Mauerwerk eine sichtbare Naht — der Übergang zwischen den Originalsteinen von 1913 und den eingesetzten Neusteinen von 1943 ist mit dem bloßen Auge erkennbar, wenn man am Mauerfuß auf der wasserzugewandten Seite vorbeigeht.
Was bleibt
Wir stehen wieder an der Sperrmauer. Östlich der Hauptmauer steht das Denkmal für die Opfer von 1943, errichtet 1993 zum 50. Jahrestag — eine schlichte Stele mit den Namen der Lager und Dörfer, ergänzt 2003 um eine Liste der namentlich identifizierten Zwangsarbeiterinnen, soweit die Archive des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sie rekonstruieren konnten. Die Liste umfasst 412 Namen; rund 340 Frauen blieben anonym.
Drei Funktionen, drei Geschichten, dieselbe Mauer. Die Versorgung — Trinkwasser für Dortmund, Hagen, Bochum, Hamm, Soest, im Notfall bis Münster und Düsseldorf — läuft routiniert, gemessen in Kubikmetern und Pegelständen. Die Erholung — Segelsteg Körbecke, Restaurants in Delecke, der ausgeschilderte Möhnesee-Rundweg — generiert nach Daten der IHK Arnsberg jährlich rund 90 Millionen Euro regionale Wertschöpfung. Und die Mahnstrecke — die Stele an der Mauer, die Gedenktafel in Neheim, der ukrainisch-deutsche Gedenkstein in Niederense von 2019 — markiert ohne Pathos, dass dieser Stausee einmal Waffe gewesen ist.
Keine der drei Funktionen hebt die anderen aus. Wir verlassen die Mauer, gehen östlich am Nordufer entlang Richtung Heve. Der Wasserspiegel reflektiert das Frühlingslicht; ein paar Segler kreuzen vor Körbecke; das Wasserwerk in Möhnebogen läuft hörbar. Drei Strecken, ein See.